Vorübergehende oder dauerhafte Sperre?
Bei Verstößen gegen die Twitch-Regeln drohen sogenannte „Vollstreckungen“. Zu diesen Vollstreckungen zählen auch Sperrungen. Twitch unterscheidet zwischen vorübergehenden und dauerhaften Sperrungen. Benachrichtigt wird man per E-Mail und im Dashboard.
Sperrungen sind meist nur das letzte Mittel. Nach einem Verstoß wird normalerweise erst eine Verwarnung ausgesprochen.
Wurden Streamer:innen schon mehrmals verwarnt oder liegt ein schwerer Verstoß vor, kann eine vorübergehende Sperre (Ban) verhängt werden. Diese dauert in der Regel zwischen einem und 30 Tagen. Nach Ablauf der Sperrung kann das Konto wieder normal genutzt werden. Die Verstöße werden allerdings gespeichert und können bei künftigen Verstößen zu längeren oder sogar dauerhaften Sperren führen – das sollte man ernst nehmen!
Kein neues Konto erstellen
Das Erstellen eines neuen Kontos, zur Umgehung der laufenden Sperre, stellt einen schweren Verstoß dar. Erscheinen gesperrte Streamer:innen in Streams von Dritten, können auch diese gesperrt werden.
Während einer vorübergehenden Sperrung können die Dienste von Twitch nicht mehr genutzt werden. Streams können weder angesehen noch übertragen werden. Außerdem können gekaufte Artikel nicht eingesetzt werden. Monetarisierte Streamer:innen (Partner und Affiliates) können während der Sperre keine Einnahmen mehr aus der Monetarisierung erzielen.
Zu einer dauerhaften Sperrung (Perma-Ban) kommt es nach mehreren vorübergehenden Sperrungen oder im Falle eines besonders ernsthaften Verstoßes. Twitch prüft im Falle eines Verstoßes mehrere Faktoren. Hierzu zählen die Frage, ob der Verstoß absichtlich begangen wurde und der Kontext, in dem der Verstoß begangen wurde. Besonders ernsthaft sind Verstöße, durch die die Twitch-Community gefährdet wird oder die gegen Gesetze verstoßen.
Wiederherstellung nach sechs Monaten
Twitch kann dauerhafte Sperre aufheben. Nach sechs Monaten ist ein Antrag auf Kontowiederherstellung möglich. Die Wiederherstellung kann nur einmal erfolgen. Wird der Antrag abgelehnt, müssen wieder sechs Monate gewartet werden.
Typische Gründe für Sperrungen bei Twitch
Bei der Eröffnung eines Kontos muss den Nutzungsbedingungen und den Community-Richtlinien zugestimmt werden. Wird dagegen verstoßen, darf Twitch Sperrungen vornehmen. Verboten ist danach:
- Selbstzerstörerisches Verhalten
- Gewalt und Drohungen
- Terrorismus und gewaltbereiter Extremismus
- Sexuelle Gewalt bei Erwachsenen
- Gefährdung der Sicherheit von Minderjährigen
- Unbefugte Weitergabe persönlicher Daten (Doxing)
- Hasserfülltes Verhalten
- Belästigungen
- Sexuelle Belästigung
Achtung: Streamer:innen haften für ihren Chat!
Wenn der Chat gegen die Community-Richtlinien verstößt, kann das zu einer Sperrung führen. Twitch sperrt Streamer:innen nur dann nicht, wenn sie „in gutem Glauben“ versuchen, Verstöße zu unterbinden. Dazu können automatische Tools wie AutoMod genutzt werden. Alternativ können auch Moderatoren eingesetzt werden, die Timeouts und Sperren gegen störende Zuschauer verhängen.
Daneben führen auch wiederholte Urheberrechtsverstöße zu Sperren. Werden Musik, Videos oder Cutscenes aus Spielen ohne Erlaubnis gezeigt, können die Rechteinhaber nach dem Digital Millennium Copyright Act (DMCA) eine Beschwerde bei Twitch einreichen. Twitch sperrt die entsprechenden Inhalte dann und benachrichtigt die betroffenen Streamer:innen.
Wie auf eine DMCA-Benachrichtigung reagieren?
Das Verfahren beginnt mit der Meldung einer Rechtsverletzung durch den Rechteinhaber. Twitch schickt betroffenen Streamer:innen dann eine Benachrichtigung. War diese unbegründet, muss reagiert werden. Es gibt zwei Möglichkeiten:
- Gegendarstellung an Twitch: Twitch leitet die Gegendarstellung an den Rechteinhaber weiter und gibt ihm 14 Werktage Zeit, um gerichtliche Schritte einzuleiten. Ansonsten streicht Twitch die Beanstandung.
- Kontaktaufnahme zum Rechteinhaber: Kann der Rechteinhaber davon überzeugt werden, dass ein Fehler vorliegt, kann er die Rücknahme erklären und Twitch streicht die Beanstandung
Da Urheberrecht oft kompliziert ist, kann es sich lohnen, einen Anwalt einzuschalten, um auf eine DMCA-Benachrichtigung zu reagieren. Dieser kann einschätzen, ob die Beanstandung begründet ist und ob es sich lohnt, dagegen vorzugehen. Oft sind Beanstandungen unbegründet, da die Rechteinhaber fehleranfällige KI einsetzen, um vermeintliche Verletzungen zu identifizieren. Wenn eine Benachrichtigung ignoriert wird, bleibt sie im System und erhöht so das Risiko einer dauerhaften Sperre bei einer erneuten Beanstandung.
„Ihr Twitch-Account wurde gesperrt? Wir unterstützen Sie, ihn zurückzubekommen. Melden Sie sich bei uns und wir machen Ihnen ein Angebot.“
Erste Reaktion: Einspruch einlegen!
Wenn Sie von Twitch über eine Sperrung informiert wurden, sollten Sie prüfen, ob Sie einen Verstoß begangen haben. Häufig kommt es zu Fehlentscheidungen, weil Twitch, wie die meisten großen Plattformen, auf automatisierte und damit fehleranfällige KI-Systeme setzt, um Verstöße zu erkennen. Oft sind Sperren auch nicht nachvollziehbar, weil sie nur mit einem pauschalen Verweis auf die Nutzungsbedingungen begründet wurden.
Twitch muss Sperrung begründen
Nach Art. 17 des Digital-Services-Acts der Europäischen Union (DSA) ist Twitch verpflichtet, eine „klare und spezifische Begründung“ für Sperren zu nennen. Dabei muss das konkret beanstandete Verhalten genannt und außerdem erläutert werden, warum dieses Verhalten einen Verstoß darstellen soll.
Wenn Ihnen nicht bekannt ist, worin der Verstoß liegen soll oder Sie glauben, keinen Verstoß begangen zu haben, sollten Sie Einspruch (Appeal) einlegen. Twitch unterhält ein eigenes Einspruchs-Portal, in dem Sie sich mit Ihren Twitch-Zugangsdaten anmelden können. Dort werden alle Maßnahmen aufgelistet, die gegen Ihr Konto ergangen sind.
Einspruch einlegen
Auch gegen unbegründete Verwarnungen und anderen Maßnahmen sollte immer Einspruch eingelegt werden. Denn solange sie im System bleiben, können sie als Grundlage für die Begründung einer künftigen Sperrung genutzt werden.
Einsprüche gegen vorübergehende Sperren und andere Maßnahmen werden von Twitch nur bearbeitet, wenn sie innerhalb einer Frist von 6 Monaten erhoben werden. Anderes gilt nur für dauerhafte Sperren, da Kontowiederherstellungen erst nach 6 Monaten möglich sind.
Im Rahmen des Einspruchs sollten Sie möglichst klar und knapp darstellen, warum Ihr Verhalten keinen Verstoß darstellt. Wenn Sie keine ausreichende Begründung erhalten haben, sollten Sie bestreiten, dass Sie einen Verstoß begangen haben und darauf verweisen, dass eine Sperre nach § 17 DSA klar und spezifisch begründet werden muss.
Was bringt die anwaltliche Unterstützung?
Mit anwaltlicher Unterstützung können Sie außerhalb des Einspruchsverfahrens gegen Twitch vorgehen. Darüber sollten Sie nachdenken, wenn
- Twitch auf den Einspruch nach einer Sperre nicht reagiert oder den Einspruch ablehnt.
- Sie bei einer dauerhaften Sperre nicht sechs Monate abwarten wollen, bis Sie einen Antrag auf Kontowiederherstellung stellen können.
Ein Anwalt kann prüfen, ob Ihr Verhalten einen Verstoß gegen Nutzungsbedingungen, Community-Richtlinien und geltende Gesetze darstellt und die Sperre berechtigt war. Eine Sperre kann allerdings auch schon alleine deshalb unberechtigt sein, weil die Sperrung vorab nicht angekündigt oder das beanstandete Verhalten nicht benannt wurde.
War die Sperre nicht berechtigt, kann Twitch mit einem anwaltlichen Schreiben abgemahnt und zur Aufhebung der Sperre aufgefordert werden. Mit der Eröffnung des Kontos haben sie einen Nutzungsvertrag mit Twitch geschlossen. Daran muss Twitch sich wie bei allen Verträgen halten und darf die Nutzung nicht grundlos beschränken.
Twitch gesperrt: Anwalt beauftragen?
Plattformen reagieren nach unserer Erfahrung auf anwaltliche Schreiben besser, als auf Einsprüche ihrer Nutzer:innen. Wenn Sie mit Twitch kein Geld verdienen, übernehmen private Rechtsschutzversicherungen die Kosten in der Regel.
Letztes Mittel: Klage gegen Twitch
Reagiert Twitch weder auf den Einspruch noch auf eine anwaltliche Abmahnung, ist im letzten Schritt auch eine Klage vor Gericht möglich. Twitch ist eine Tochtergesellschaft von Amazon mit Sitz in San Francisco. Grundsätzlich sind Klagen aber auch in Deutschland möglich.
Allerdings kommt es hier auf die konkreten Details an. Die Nutzungsbedingungen von Twitch enthalten Schiedsklauseln und Gerichtsstandsvereinbarungen, die Klagen in Deutschland erschweren können. Maßgeblich ist hier vor allem die Frage, ob die Streamer professionell auftreten, an der Monetarisierung teilnehmen und Twitch als Gewerbe betreiben oder Twitch alleine als Hobby nutzen.
Gerichtsstandsklausel unwirksam
In einem Verfahren um eine dauerhafte Twitch-Sperre hat das Landgericht Braunschweig 2024 entschieden, dass eine Gerichtsstandsklausel in den Nutzungsbedingungen von Twitch, nach der professionelle Streamer in den USA klagen mussten, rechtsmissbräuchlich und nichtig ist.
Neben dem Anspruch auf Entsperrung kommt auch ein Schadensersatzanspruch gegen Twitch in Betracht, wenn eine Sperre rechtswidrig war und dem Nutzer dadurch ein finanzieller Schaden entstanden ist.
Kann ich Schadensersatz verlangen?
Typische Beispiele, in denen Schadensersatz verlangt werden kann, sind entgangene Einnahmen von Streamer:innen, gesperrte Auszahlungen oder der Verlust von Sponsorenverträgen. Der Schaden muss aber konkret nachweisbar sein, beispielsweise durch Dashboard-Daten, Umsatzstatistiken oder externe Tracking-Tools. Je klarer der Nachteil dokumentiert ist, desto größer sind die Erfolgschancen.
Ergeht ein Urteil gegen Twitch, kann davon ausgegangen werden, dass das Unternehmen dem Urteil nachkommt. Sollte Twitch sich jedoch weigern, ist eine Vollstreckung in den USA erforderlich. Hierfür muss eine lokale Kanzlei eingeschaltet werden.




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